Was ist Myelin und was ist Multiple Sklerose?
Im Zentralnervensystem sind zahlreiche Nervenzellen von einer Myelinscheide umhüllt, die von Gliazellen, den sogenannten Oligodendrozyten, gebildet wird. Myelin ist für die Funktion dieser Nervenzellen unverzichtbar, da es die Axone vor Degeneration schützt und eine schnelle Weiterleitung elektrischer Signale entlang der Axone ermöglicht. Diese schnelle Weiterleitung ist notwendig, damit wir denken, uns bewegen, sprechen und sehen können – und zwar einwandfrei und ohne spürbare Verzögerung.
Multiple Sklerose ist mit weltweit 2,9 Millionen Betroffenen die häufigste degenerative Erkrankung des Zentralnervensystems bei jungen Erwachsenen. Diese Krankheit führt zu fortschreitenden Problemen beim Gehen, Bewegen, Sehen und Sprechen und hat enorme Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patienten und ihrer Familien. Bei dieser Erkrankung werden Oligodendrozyten wiederholt vom eigenen Immunsystem angegriffen, wodurch Neuronen ohne ihre Myelinscheide „unbeschützt“ bleiben, was zum Verlust der Neuronenfunktion und langfristig zu deren Degeneration führt. Die heutigen Therapien können die Häufigkeit der Angriffe durch das Immunsystem verlangsamen, sind jedoch nicht in der Lage, die Remyelinisierung (den Wiederaufbau der Myelinscheide) der ungeschützten Neuronen zu fördern, und es gibt nach wie vor keine Heilung für diese Erkrankung.
Unsere Erkenntnisse zur Remyelinisierung
In den letzten 20 Jahren haben wir im Rahmen unserer Forschung einen wirkungsvollen natürlichen Mechanismus im Körper identifiziert, der, wenn er aktiviert wird, die Reparatur der Myelinscheide fördern kann, was zur Wiederherstellung der Nervenzellfunktionen und zu deren Schutz vor Degeneration führt. Dieser Mechanismus wird durch einen epigenetischen Faktor namens Histon-Deacetylase 2 (HDAC2) gesteuert. HDAC2 steuert den Myelinisierungsprozess auf Transkriptionsebene und ermöglicht so die Produktion der Myelinbestandteile. Wir können HDAC2 mit einem bekannten Medikament namens Theophyllin aktivieren, das seit Jahrzehnten zur Behandlung von Asthma eingesetzt wird, sodass sein allgemeines Sicherheitsprofil bereits gut bekannt ist. Ein wesentlicher Vorteil dieser Behandlung ist ihre hohe Wirksamkeit bei der Aktivierung von HDAC2, wenn sie in niedrigen Dosen angewendet wird.

In unseren Tierstudien erwiesen sich niedrige Dosen von Theophyllin als äußerst wirksam bei der Förderung der Remyelinisierung sowohl im peripheren als auch im zentralen Nervensystem Duman et al., 2020; Duman et al., 2022), und diese Dosen liegen weit unter denen, die bei Asthmapatienten Nebenwirkungen verursachen.
Ein Medikament zur Förderung der Remyelinisierung
Um konstante niedrige Dosen von Theophyllin zu verabreichen, haben wir an der JGU Mainz ein transdermales Pflaster entwickelt, das Theophyllin über mehrere Tage hinweg langsam freisetzt (Engel et al., 2026). Dieses Pflaster ist einfach in der Anwendung, vermeidet hohe Spitzendosen, die zu Toxizität führen können, und dürfte im Vergleich zu täglich einzunehmenden Tabletten die Therapietreue verbessern.

Unser ForTra-gefördertes Projekt – Auf dem Weg zur klinischen Anwendung
Im Rahmen unseres ForTra-geförderten Projekts werden wir unser transdermales Pflaster von der JGU Mainz an einen Pflasterhersteller zur Optimierung weitergeben. Das optimierte Pflaster wird zunächst in einer präklinischen Studie validiert (finanziert durch die Mainzer Wissenschaftsstiftung und unsere Spender). Unsere ForTra-Förderung ermöglicht es uns anschließend, zur GMP-konformen Produktion des Pflasters überzugehen, Stabilitätsstudien durchführen und das Pflaster in einer klinischen Phase-I-Studie an gesunden Probanden zu testen, um zu bestätigen, dass es die richtige Dosis abgibt, gut auf der Haut haftet und gut vertragen wird. Die deutsche Zulassungsbehörde BfArM hat unsere Pläne bereits positiv begutachtet und beraten. Da Theophyllin sowohl Schäden reparieren als auch zukünftige Schübe reduzieren kann (neue Studie, die derzeit zur Veröffentlichung geprüft wird), hat dieser Ansatz großes Potenzial, die Lebensqualität von Menschen mit Multipler Sklerose und möglicherweise anderen Erkrankungen des Nervensystems zu verbessern, und bleibt dabei für die Gesundheitssysteme erschwinglich.
Weitere Informationen zu unseren Ergebnissen und unserer Forschung finden Sie unter den folgenden Links: